von Jan Ullrich
Jan Ullrich hatte in der Presse schon immer den Beinamen "Der Gejagte". Ein sympathischer Typ, der am öffentlichen Druck zerbrach – sensibel, introvertiert, hier und da vielleicht sogar ein bisschen naiv. Alles Eigenschaften, die dich als Mensch zu einem Guten machen, dich in der Medienwelt aber zerbrechen lassen. Vor allem, wenn eine Nation irgendwann mal entscheidet, dass du ihr neuer Held bist.
Nach seinem Karriere-Aus wegen Dopings war Ullrich nur noch der von der Presse gejagte. Und stürzte ab. Eine tragische Figur, von der alle immer eine Entschuldigung forderten, die aber nie verstand, wofür eigentlich.
In seinem Buch zeichnet Ullrich Schlüsselerlebnisse seines Lebens nach. Zieht danach jeweils ein Fazit. Und erzählt weiter. Ganz zum Schluss natürlich auch über das, was die meisten wohl interessieren wird: Wie und warum er dopte. Ullrich zeichnet sich dabei als jemand, dem das alles suspekt war. Dem aber auch keine Wahl blieb, um gegen ein Feld von Sportler anzukommen, in dem alle dopten. Ullrich schreibt (und gibt es auch so in Interviews an), er habe gedopt um Chancengleichheit herzustellen. Und ich kann dem folgen. Ich kann das sogar verstehen. Und ich hoffe, dass Ullrich nun nach fast 20 Jahren Kampfes mit sich selbst nach Buch und Doku diesmal wirklich im Reinen mit sich ist.
Ich habe Ullrich bis zu seinem "Comeback" in die Öffentlichkeit um 2022 immer als ein bisschen arrogant wahrgenommen. Sowohl die Doku als auch sein Buch haben mein Bild von ihm aber geändert.
Sein Buch … nun. Schwierig. Ullrich hat sich entschlossen, es nicht nur als Biografie zu verstehen, sondern als ein Motivations-Buch. Man merkt deutlich, dass er sich dabei an US-Amerikanischen Büchern orientiert hat. Jedes Kapitel schließt er mit einem mehrseitigen Fazit ab. Und danach kommt noch einmal eine Kachel mit dem Fazit des Fazits. Kann man machen – mein Stil von Buch ist das eigentlich nicht. Es gibt dem Buch Struktur und half Ullrich wahrscheinlich auch beim Schreiben. Insofern ist das schon okay. Aber ich weiß nicht, ob Ullrich die Figur ist, der ich ein solches Motivationsbuch abkaufe.
Und dann wäre da das offenkundig nicht vorhandene oder sehr schlechte Lektorat. Da veröffentlicht man ein Buch einer der großen Sportstars in Deutschland (Ullrich ist nach wie vor der einzige Deutsche, der die Tour de France gewonnen hat), und dann gibt man sich beim Lektorat keine Mühe. Mir sind zwar keine Schreibfehler aufgefallen, aber inhaltlich Schwächen. So berichtet Ullrich, wann dass er mit neun Jahren den Radsport angefangen hat und einem Verein beigetreten ist. In einer späteren Erinnerung ist er da aber dann sieben Jahre. Auf den letzten Metern im Buch – in den letzten zwei, drei Kapiteln – wiederholt sich Ullrich dann zudem mehrmals fast wortgleich. Kam die Deadline da nah und Seiten mussten gefüllt werden?
Insgesamt bleibt bei mir ein gemischtes Bild. Ich lese nicht viele Biografieren. Ullrich schreibt nahbar, einfach und verständlich. Er nimmt einen mit und hilft, ihn zu verstehen. Man lernt ihn und seine Motivation zu verstehen, die Schwierigkeiten, Hindernisse, … Auf die Erfolge geht er überhaupt nicht groß ein, was dem Buch tatsächlich anzurechnen ist. Dass aus jedem Erfolg und jeder Niederlage aber ein "Das habe ich gelernt"-Fazit kommen muss hat mich ebenso ein bisschen genervt, wie die Versäumnisse im Lektorat. Trotzdem: Für Rad- und Ullrich-Fans ein lesenswertes Buch.
„Das Leben lässt sich nur rückwärts verstehen, muss aber vorwärts gelebt werden.“
„In dieser Zeit lernte ich, dass die Königsdisziplin des Radsports das Durchhalten ist. Sich auf die Zähne beißen und weitermachen. Einfach weitermachen, auch wenn der eigene Körper nicht mehr will. Dein Geist muss den Körper überwinden.“
“Wer ein Ziel cerfolgt, der muss es nich bloß vor Augen haben,s odnern auch vieles daran setzen, es zu erreichen. Ich sage bewusst vieles und nicht alles. Denn ich glaube, dass es nicht gut ist, wenn man sein ganzes Leben einem bestimmten Erfolg unterordnet. Das hat einen Grund. Unsere Leben sind komplex. Und wahres Glück hängt nie an bloß einem Faktor. Wer glaubt, dass das Erreichen nur eines Zieles Erfülung bringen wird, der täuscht sich.“
„Und an den größten Fehler, den ich gemacht hatte: das Doping. Ich hatte mich mein Leben lang in die Opferrolle begeben. Ich hatte mein Leben lang gesagt, dass ich doch keine Wahl gehabt hätte. Aber jetzt begriff ich, dass das Unsinn war. Wir hatten immer eine Wahl. Nur war ich damals nicht bereich, die Konsequenz zu tragen.“